Interview zum Thema „Kriegsenkel“

Seit Mitte der 1980er Jahre (zumindest in der alten BRD) sind nun die traumatischen Folgen von Faschismus und Weltkrieg innerhalb der deutschen Bevölkerung zum Thema der wissenschaftlichen und literarischen Aufarbeitung geworden. Und offensichtlich ist der Bedarf bis heute vorhanden – nicht nur das Veröffentlichen weiterer Bücher belegt das, sondern auch die relativ zahlreichen Kommentare unter einem Interview bei „Spon“:

… Der Krieg war in der Familie Tabuthema, und ich hatte bis weit ins Erwachsenenleben eine Botschaft meiner Eltern verinnerlicht: Uns geht es doch gut. Ich dachte: Was bin ich doch für ein undankbares, wehleidiges Kind, wenn ich meine Kindheit hinterfrage. Genau dieser Gedanke hindert Kriegsenkel daran, ihre Familiengeschichte auszugraben.

 

SPIEGEL ONLINE: Sie haben es aber doch getan – und ein Buch darüber geschrieben.

 

Lohre: Bei der Recherche taten sich Abgründe im Idyll auf. In ihrem vermeintlich sicheren Heimatdorf hatte meine Mutter als Siebenjährige Bombenangriffe nur knapp überlebt. Mein Vater war in der Schule von einem sadistischen Ex-Offizier regelmäßig verprügelt worden. Weil niemand ihre Not sah, mussten sie ihre Erfahrungen verdrängen oder für normal erklären: So war das halt damals. In Millionen Familien haben Kriegskinder eine Sache gelernt und ihren Kindern, den Kriegsenkeln wie mir, vermittelt: Stell dich nicht so an. Aber viele ihrer Erfahrungen waren eben außergewöhnlich und traumatisch. Und viele Folgen ihrer Traumata haben meine Eltern mir vererbt. Das war der Anlass für das Buch. (…)

 

Das ganze Thema taucht unregelmässig auch bei unseren Diskussionen im AK immer wieder auf, und ist innerhalb einzelner Biographien sowieso eine Art „Dauerbrenner“. In den diversen Fraktionen der politischen Linken in Deutschland jedoch ist diese Ebene der desaströsen deutschen Geschichte des letzten Jahrhunderts ein Nichtthema. Obwohl – oder weil ? – die vielfältigen Konsequenzen innerhalb der hiesigen Gesellschaft von allen Kriegsfolgen bis heute noch für viele Menschen am deutlichsten spürbar sind, gerade in den eigenen Herkunftsfamilien. Allerdings oft genug, ohne den Hauch einer Ahnung der historischen Zusammenhänge zu haben. Und dieser blinde Fleck trägt bis heute dazu bei, ein tatsächliches Verständnis sowohl der eigenen als auch der gesamtgesellschaftlichen Situation zu behindern.

Natürlich spielt dabei gerade links die deutsche TäterInnenschaft eine gewichtige Rolle. Und „klassisch politisch“ ist das auch – leider – bis heute nötig. Aber die psychosozialen Kriegsfolgen innerhalb der deutschen Gesellschaft können damit nicht relativiert werden. Traumata funktionieren nach eigenen Gesetzen und einer strengen Logik und machen keine Unterschiede in dem Punkt, was Betroffene vorher einmal getan oder auch nicht getan haben.

Es gab vor einigen Jahren einmal einen etwas überraschenden Hinweis darauf, dass im Gegensatz zur Mehrheit der Bevölkerung zumindest in Teilen der sog. politischen Eliten hierzulande durchaus ein Bewusstsein über diesen Jahrzehnte lang tabuisierten gesellschaftlichen Untergrund existiert. Und mehr noch: das diese posttraumatischen Strukturen beim Regieren durchaus ins Kalkül miteinbezogen werden. Der ehemalige Finanzminister der SPD, Peer Steinbrück, hielt 2009 vor dem Parteivorstand eine sog.  Brandrede, bei der folgender Teil sehr aufschlussreich ist:

Ich weiß, dass die „Mitte der Gesellschaft“ ein sehr diffuser Begriff ist, über den man trefflich streiten kann. Aber dies ändert nichts an der nach wie vor richtigen Einschätzung, dass genau in dieser Mitte unserer Gesellschaft Wahlen gewonnen oder auch verloren werden. Die Addition von Minderheitsinteressen führt keineswegs arithmetisch zu einer politischen Mehrheit in Deutschland. Und bei der Annäherung an die Linkspartei ist nicht einmal ein Nullsummenspiel, sondern eher ein Verlust für die SPD wahrscheinlich, weil immer um einen Faktor höher Wählerinnen und Wähler in der Mitte zu den konservativ-bürgerlichen Parteien überlaufen. Das hat etwas mit der ausgeprägten Sehnsucht der Deutschen nach Stabilität, Sicherheit und Beständigkeit zu tun. Diese in meinen Augen tief verankerte Sehnsucht in der deutschen Gesellschaft geht auf die Brüche und traumatischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts zurück. Diese Traumatisierungen sind nach wie vor mentalitätsprägend und lassen die Wählerinnen und Wähler in Deutschland in der Mitte zusammenrücken. Jede Annäherung an die politischen Ränder trifft daher auf eine verbreitete Skepsis, mehr noch: Ablehnung in der Bevölkerung. (…)

Der letzte Satz galt und gilt dabei aus diversen Gründen immer vor allem für den linken Rand… aber unabhängig davon ist bis heute ein derartiger Klartext überraschend. Zumal er ein bisher kaum beachtetes mögliches Element strategischer Planung in der staatstragenden Politikelite deutlich macht. Und neben den hautnahen „persönlichen“ Gründen, sich mehr mit der traumatischen Matrix in diesem Land zu beschäftigen, ist der oben umrissene für politsch Interessierte ein weitere Aspekt. Mal ganz abgesehen vom Verstehen aktueller rechter bis faschistischer Strömungen, nicht nur in Deutschland.

 

Judith Herman „Die Narben der Gewalt“

Eines derjenigen Bücher, die wir schon durchgearbeitet haben – sehr empfehlenswert!

Das Buch wendet sich ausdrücklich an alle, die interessiert sind und/oder sich engagieren für eine menschliche Welt, frei von Gewalt und Waffen. Pflichtlektüre sollte es sein für all die, die mit Traumatisierten arbeiten (werden), aber auch für all die, die in Politik und im Sozialwesen sowohl (mit)-verantwortlich sind für die Entstehung von traumatisierenden Situationen als auch für die gesellschaftliche Pflicht, Genesung zu wollen und zu fördern. Aufklärend und verstehensfördernd ist es zudem für die Menschen, die mit Überlebenden/Opfern zusammen leben – PartnerIn, Familie, Freunde.

(aus der Rezension )