Beziehungen in politischen Bewegungen – ein Beitrag aus den USA

Mehr oder weniger zufällig sind wir vor ein paar Monaten über den folgenden Text gestolpert und haben uns entschlossen, ihn zu übersetzen. Wir erachten den Artikel für die deutschen Verhältnisse als bedeutsam und richtungsweisend, weil wir in der deutschen Linken eine vielartige Mischung aus Unwillen und Ignoranz wahrnehmen, sich eingehender und strukturell mit Fragen von Traumatisierung und den Folgen für politische Organisierung auseinanderzusetzen. Wir wünschen uns möglichst viele Diskussionen darüber, und würden Veranstaltungen zu diesem Thema begrüßen.

Der Artikel bezieht sich auf die US-amerikanischen Verhältnisse, unter denen Soziale Bewegungen arbeiten. Dazu gehört z.B. die im Text erwähnte, thematisch wesentlich breiter aufgestellte Struktur von Non-Profit-Organisationen, die sich aus Spenden finanzieren und bezahlte Mitarbeiter*innen beschäftigen, was einen wesentlichen Unterschied zur Struktur Sozialer Bewegungen hierzulande darstellt, die meist keine bezahlten Aktivist*innen haben. Desweiteren gibt es in den USA eine kritisch-reformerische Bewegung zum Justizsystem (‚Healing Justice‘/ ‚Transformative Justice‘), die in dieser Form in der BRD nicht existiert. (Anmerkungen der Übersetzer*innen)


Dieser Artikel ist der zweite der Truthout-Serie “Visions of 2018”, in welcher _Aktivist*innen die Frage beantworten „Was würdest du gerne sehen, was dieses Jahr neu entwickelt, aufgebaut, erträumt oder begonnen werden sollte?“ Jeder dieser Artikel wird auf eine wichtige Idee für den Wandel konzentriert sein, um uns im laufenden Jahr mit Energie zu versorgen.

Unsere Beziehungen halten uns am leben: Lasst sie uns 2018 in den Vordergrund stellen

Von Ejeris Dixon bei truthout.org am 08. Februar 2018

Quelle http://www.truth-out.org/opinion/item/43444-our-relationships-keep-us-alive-let-s-prioritize-them-in-2018

Dieser Text ist über einen längeren Zeitraum entstanden. Als jüngerer Mensch habe ich Jahre damit verbracht, Frauen in der Black Power-Bewegung zu interviewen und ihre Briefe, Texte und Gedichte zu lesen. Ich habe ihre Erfahrungen und den Einfluss von posttraumatischen Störungen untersucht. Später habe ich dann verstanden, dass ich nach einer Art und Weise gesucht habe, in politischen Bewegungen beteiligt zu sein, die es mir ermöglicht, meine Persönlichkeit, meine Haltung und Hoffnungen unbeschadet beizubehalten. Ich lernte, dass ein Teil dieser Arbeit bei mir alleine liegt. Aber der andere Teil sollte unser gemeinsames Bestreben sein: Es geht darum, wie wir uns gegenseitig behandeln.

Meine Vorstellung für das Jahr 2018 ist die, dass wir uns selber vornehmen, die Beziehungen innerhalb sozialer Bewegungen und die damit zusammenhängenden Schäden zu thematisieren. Ich verbrachte 2017 die meiste Zeit mit Reisen durch die USA und mit der Unterstützung von Gruppen, die sich gegen intensive politische Bedrohungen gebildet hatten. Manche waren direkt mit weißem Nationalismus konfrontiert, andere thematisierten Gewalt gegen LGBTQ-Communities, wieder andere unterstützten Communities, die unter der Bedrohung von Abschiebungen standen oder die mit Schwarzen Communities arbeiteten, welche mit staatlicher Gewalt konfrontiert waren. Vieles meiner Arbeit mit diesen Gruppen war Krisenmanagement, welches einen vertrauensvollen Umgang erforderte.

Während solcher repressiver Zeiten nehmen die Leute an, dass die meisten dieser Krisen im Aktivismus und der Organisierung von außen kommen. Stattdessen habe ich mit Gruppen gearbeitet, deren innere Beziehungen so belastet waren, dass ihre politische Arbeit praktisch zum Stillstand gekommen ist—Gruppen, wo die Leute aufgehört hatten, miteinander zu reden; wo die Leute untereinander missbräuchlich waren und sich gemobbt haben; wo sich Fragen von Gewalt und Diebstahl gestellt haben. In manchen Fällen haben Mitglieder aus dem gleichen Kollektiv andere Personen oder ihre eigenen Organisationen in den sozialen Medien kritisiert, aber haben sich geweigert, diese Kritik auch im direkten Umgang auszusprechen.

In einer Gruppe nach der anderen habe ich das selbe Muster wahrgenommen. In ereignisreichen Perioden werden Leute mobilisiert. Sie machen das, was wir alle gelernt haben und sparen sich ihre Kritik für einen späteren Zeitpunkt auf. Und wenn dann eine Pause in der äußeren Konfliktsituation entsteht, dann gehen alle aufeinander los. Als Aktivistin hatte ich gelernt, Leute für Bewegungen anzuwerben und sie darin zu unterstützen, auch dabei zu bleiben. Aber ich hatte nicht gelernt, wie man Beziehungen heilt oder Schäden daran vermeidet. Den meisten von uns fehlen diese Fähigkeiten.

Unsere Kampagnen, unsere Basisorganisierung und unsere politischen Analysen können und werden uns nicht vor dieser Bedrohung schützen. Schlimmer noch, unsere äußeren Gegner profitieren nicht alleine von unseren Spaltungen, sondern fördern sie noch. Manchmal sind wir unsere eigenen schlimmsten Feinde. Ohne unsere Aufmerksamkeit auf die Heilung unserer Beziehungen zu legen, werden unsere Bewegungen von innen heraus zerfallen.

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Interview mit Sigrid Chamberlain

Als kleinen Eindruck dessen, was Thema der kommenden Veranstaltungen sein wird, verweisen wir auf ein älteres Interview mit der Referentin des ersten Abends.

Gab es eine ausgesprochen nationalsozialistische Säuglingspflege und Kleinkind Erziehung?

 

Chamberlain: Ja, das behaupte ich. Ein wirklicher Nationalsozialist ist nicht vorstellbar ohne das Bedürfnis, andere auszugrenzen und grausam mit anderen Menschen umzugehen. Ein solches Verhalten ist aber nicht vorstellbar ohne eine grundsätzliche Bindungslosigkeit und ein hohes Maß an Gefühllosigkeit. Genau darauf, auf Gefühllosigkeit und Bindungslosigkeit, laufen die Ratschläge in dem 1934 von der Ärztin Johanna Haarer verfassten Ratgeber »Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind« hinaus. Er ist gewissermaßen eine Anleitung zu Kaltherzigkeit und Beziehungsarmut. Diesen weit verbreiteten Ratgeber zur Säuglingspflege, von dem bis Kriegsende 690.000 Exemplare verkauft wurden, habe ich untersucht.

In eigener Sache

Ja…wir hatten uns das eigentlich auch anders vorgestellt, als wir dieses Blog eingerichtet haben. Materialien zu „unseren“ Themen gibt es genug, aber wie üblich, sind es vor allem Zeit und andere fehlende Ressourcen gewesen, die uns in diesem Jahr davon abgehalten haben, hier virtuelles Leben reinzubringen.

Aber nun gut. Wir beschliessen 2017 mit einem – wie wir finden – wirklich interessantem Veranstaltungsdoppelpaket (siehe oben). Und haben uns für 2018 vorgenommen, hier regelmässige Updates zu liefern. Weltpolitik und -geschichte drängeln (leider) geradezu danach, kommentiert, analysiert und letztlich verändert zu werden. In diesem Sinne werden wir die herrschende Pathokratie im nächsten Jahr mehr in den Focus nehmen. Und wünschen allen Lesern & Leserinnen schon mal die üblichen Jahresendwünsche.

 

Der AK-PSK stellt sich vor!

Wir sind zu Besuch im Psychiatrie kritischem Cafe und wurden eingeladen, unsere Themen der interessierten Öffentlichkeit vorzustellen.

So, 11.9.2016,
ab 15 Uhr mit Kaffee, Tee und Kuchen

Ort: Altes Sportamt https://altes-sportamt.de/2016/09/programm-september/

Im Anschluss an das Cafe (18.00Uhr) gibt es  Offbeat/Straßenmusikgelöt von und mit „HÖRZU!“
hoerzu.blogsport.de/hoerzu/

Infos zur Psychiatrie kritischen Gruppe und geplanten Aktionen unter: stattpsychiatrie@riseup.net

Notizen aus der Pathokratie (1)

Ja, der Begriff Pathokratie ist für uns die passende Zusammenfassung dessen, was uns da draussen Tag für Tag sowohl im nächsten Umfeld als auch in den entferntesten Weltregionen aufgetischt wird. Zur genaueren Begriffsklärung wird noch ein eigener Beitrag folgen. Ansonsten werden wir zukünftig unter dieser Rubrik / Überschrift immer kurz verlinken und gegebenfalls auch kommentieren, was wir als erinnerungswürdig über den (Veröffentlichungs-) Tag hinaus ansehen.

*

Zu der Serie von Anschlägen in diesem Sommer auf europäischen Boden zunächst ein Interview mit einem Mann, dessen Arbeit in Deutschland bis heute chronisch unterschätzt wird:

taz.am wochenende: Herr Theweleit, Ihr letztes Buch handelt unter anderem von ­Anders Breivik, Sie erstellen darin ein „Psychogramm der Tötungslust“. Der Amokmann von Mün­chen, so wurde ermittelt, verehrte Breivik – wofür?

Klaus Theweleit: Breivik war kein Amokmann. Der Münchener Killer auch nicht. Wer sich ein Jahr vorbereitet, läuft nicht „Amok“. Der Terminus ist zwar in Mode, bei de Maizière und anderen medialen Öffentlichkeitsbebetern, er ist aber komplett falsch für die meisten dieser Fälle. Er wird wohl benutzt, weil man auf dieser Schiene über die Täter nicht viel herausbekommt. Das ist wohl das Ziel. Die offiziellen ministerialen Lösungsvorschläge lauten ja auf „schnellere Abschiebung kleinkriminell oder anders auffällig gewordener Flüchtlinge“ – obwohl der Münchener Attentäter mit Flüchtlingen nichts zu tun hat. Mit der psychisch-körperlichen Lage von ihnen und auch der der Killer will sich niemand – so gut wie niemand – befassen.

 

Das Interview ist eine sehr komprimierte Zusammenfassung der Kernthesen des letzten Buches „Das Lachen der Täter“ von Theweleit, in dem er selbst eine Art Fortsetzung der bahnbrechenden „männerphantasien“ aus den späten 1970er Jahren sieht. Für beide gilt ( aus Sicht des Autors dieser Zeilen): die Basis in einem, wenn auch im neuesten Werk um neurobiologische Forschungen (A. Damasio) erweiterten, explizit psychoanalytischem Bezugsrahmen ist ein Faktor, der aus unserer Sicht für unnötige Verzerrungen sorgt. Ja, wir sehen wesentliche Teile der orthodoxen Psychoanalyse nach Freud als überholt, oder treffender, niemals realitätstüchtig gewesen, an. Das mindert aber nicht den grundsätzlichen Wert der Arbeit von Theweleit, die im deutschprachigen Raum noch immer einzigartig ist. Und die – wie auch im obigen Interview deutlich wird – , bis heute in der Lage ist, den eigenen Wahrnehmungsfocus entscheidend zu vergrößern und dadurch ein anderes Licht auf viele Dinge wirft.

*

Unter dem Titel „Verrückte Welt“ befasste sich die jungle world Ende Juli in einem Kommentar mit den gleichen Taten und kam zu folgenden Schlüssen:

Während alle Welt versucht, den Terrorismus und andere Formen extremer Gewalt als unverständlichen Wahnsinn von einer angeblichen Normalität abzuspalten, laufen diejenigen, die für die direkte Aktion zu auto­ritär ticken, in den Wahlkabinen Amok und wählen Figuren wie Trump, Erdoğan, Le Pen, Orbán, Petry und Gauland, die objektiv nicht alle Karten im Deck haben und ganz offen die irrsinnigsten Taten ankündigen. Verrückt ist das neue Normal, was freilich nur diejenigen überrascht, die in den vergangenen Jahrzehnten kein einziges gutes Buch in die Hand genommen haben und blind und blöd durchs Leben taumeln. Der Wahnsinn kommt von einer Welt, die an ihren Widersprüchen zerbricht, weil sie wortwörtlich ums ­Verrecken nicht einsehen mag, dass die Reduktion allen Seins auf den Warencharakter und das gleichzeitige Hätscheln irrationaler Ideologien nirgendwo anders hinführen können als in einen Abgrund, dessen Tiefe die meisten noch gar nicht erahnen.

 

Mal abgesehen davon, dass „die Reduktion allen Seins auf den Warencharakter“ womöglich mehr als Symptom denn als Ursache anzusehen ist, durchaus treffende Worte.

*

Und zum Schluss dieser AmokTerror-Sammlung noch ein sehr lesenswertes Statement von Götz Eisenberg, einer der wenigen hierzulande, der sich zum Thema Amok seit Jahren wirklich interessante Gedanken macht:

Wem es wirklich um Prävention zu tun ist, wird sich fragen müssen: Welche menschlichen Haltungen gedeihen eigentlich in einem gegebenen sozialen Klima, welche sterben ab? Der Neoliberalismus hat treibhausmäßig eine Atmosphäre der Konkurrenz und zwischenmenschlichen Feindseligkeit gezüchtet und die Herausbildung einer „Kultur des Hasses“ (Eric J. Hobsbawm) befördert. Die Fähigkeiten zu Mitleid, gegenseitiger Hilfe und Solidarität verdorren, weil sie durch die gesellschaftlichen Verhältnisse keine Stützung erfahren und als Karriere-Hindernisse gelten. Die Menschen werden systematisch aufeinander gehetzt und zerfleischen sich untereinander, statt sich gegen zunehmend unerträgliche Verhältnisse zusammenzuschließen und zu wehren. Aggressionen häufen sich an den Rändern des Bewusstseins, der Angst- und Wahnsinnspegel steigt, eine gereizte Stimmungslage breitet sich aus. So dürfen wir uns nicht wundern, wenn Amok und Terror die kriminelle Physiognomie des neoliberalen Zeitalters prägen.

 

Soweit für den Moment. Wie wir fürchten müssen, werden uns ähnliche Taten – nicht eindeutig in einer Schublade abzulegen – zukünftig vermehrt beschäftigen.

 

Ab sofort auch Kommentare möglich

Viel müssen wir dazu nicht sagen: Beleidigungen, Spam und offensichtliche Trollereien fliegen ohne große Worte raus. Ansonsten freuen wir uns auf inhaltsreiche Kritiken, Vorschläge, Anmerkungen…

UPDATE: Wegen des hohen Aufkommens von Spam, mussten wir leider in den Freischalt-Modus wechseln. Deshalb werden Kommentare nicht mehr automatisch freigeschaltet.

 

Interview zum Thema „Kriegsenkel“

Seit Mitte der 1980er Jahre (zumindest in der alten BRD) sind nun die traumatischen Folgen von Faschismus und Weltkrieg innerhalb der deutschen Bevölkerung zum Thema der wissenschaftlichen und literarischen Aufarbeitung geworden. Und offensichtlich ist der Bedarf bis heute vorhanden – nicht nur das Veröffentlichen weiterer Bücher belegt das, sondern auch die relativ zahlreichen Kommentare unter einem Interview bei „Spon“:

… Der Krieg war in der Familie Tabuthema, und ich hatte bis weit ins Erwachsenenleben eine Botschaft meiner Eltern verinnerlicht: Uns geht es doch gut. Ich dachte: Was bin ich doch für ein undankbares, wehleidiges Kind, wenn ich meine Kindheit hinterfrage. Genau dieser Gedanke hindert Kriegsenkel daran, ihre Familiengeschichte auszugraben.

 

SPIEGEL ONLINE: Sie haben es aber doch getan – und ein Buch darüber geschrieben.

 

Lohre: Bei der Recherche taten sich Abgründe im Idyll auf. In ihrem vermeintlich sicheren Heimatdorf hatte meine Mutter als Siebenjährige Bombenangriffe nur knapp überlebt. Mein Vater war in der Schule von einem sadistischen Ex-Offizier regelmäßig verprügelt worden. Weil niemand ihre Not sah, mussten sie ihre Erfahrungen verdrängen oder für normal erklären: So war das halt damals. In Millionen Familien haben Kriegskinder eine Sache gelernt und ihren Kindern, den Kriegsenkeln wie mir, vermittelt: Stell dich nicht so an. Aber viele ihrer Erfahrungen waren eben außergewöhnlich und traumatisch. Und viele Folgen ihrer Traumata haben meine Eltern mir vererbt. Das war der Anlass für das Buch. (…)

 

Das ganze Thema taucht unregelmässig auch bei unseren Diskussionen im AK immer wieder auf, und ist innerhalb einzelner Biographien sowieso eine Art „Dauerbrenner“. In den diversen Fraktionen der politischen Linken in Deutschland jedoch ist diese Ebene der desaströsen deutschen Geschichte des letzten Jahrhunderts ein Nichtthema. Obwohl – oder weil ? – die vielfältigen Konsequenzen innerhalb der hiesigen Gesellschaft von allen Kriegsfolgen bis heute noch für viele Menschen am deutlichsten spürbar sind, gerade in den eigenen Herkunftsfamilien. Allerdings oft genug, ohne den Hauch einer Ahnung der historischen Zusammenhänge zu haben. Und dieser blinde Fleck trägt bis heute dazu bei, ein tatsächliches Verständnis sowohl der eigenen als auch der gesamtgesellschaftlichen Situation zu behindern.

Natürlich spielt dabei gerade links die deutsche TäterInnenschaft eine gewichtige Rolle. Und „klassisch politisch“ ist das auch – leider – bis heute nötig. Aber die psychosozialen Kriegsfolgen innerhalb der deutschen Gesellschaft können damit nicht relativiert werden. Traumata funktionieren nach eigenen Gesetzen und einer strengen Logik und machen keine Unterschiede in dem Punkt, was Betroffene vorher einmal getan oder auch nicht getan haben.

Es gab vor einigen Jahren einmal einen etwas überraschenden Hinweis darauf, dass im Gegensatz zur Mehrheit der Bevölkerung zumindest in Teilen der sog. politischen Eliten hierzulande durchaus ein Bewusstsein über diesen Jahrzehnte lang tabuisierten gesellschaftlichen Untergrund existiert. Und mehr noch: das diese posttraumatischen Strukturen beim Regieren durchaus ins Kalkül miteinbezogen werden. Der ehemalige Finanzminister der SPD, Peer Steinbrück, hielt 2009 vor dem Parteivorstand eine sog.  Brandrede, bei der folgender Teil sehr aufschlussreich ist:

Ich weiß, dass die „Mitte der Gesellschaft“ ein sehr diffuser Begriff ist, über den man trefflich streiten kann. Aber dies ändert nichts an der nach wie vor richtigen Einschätzung, dass genau in dieser Mitte unserer Gesellschaft Wahlen gewonnen oder auch verloren werden. Die Addition von Minderheitsinteressen führt keineswegs arithmetisch zu einer politischen Mehrheit in Deutschland. Und bei der Annäherung an die Linkspartei ist nicht einmal ein Nullsummenspiel, sondern eher ein Verlust für die SPD wahrscheinlich, weil immer um einen Faktor höher Wählerinnen und Wähler in der Mitte zu den konservativ-bürgerlichen Parteien überlaufen. Das hat etwas mit der ausgeprägten Sehnsucht der Deutschen nach Stabilität, Sicherheit und Beständigkeit zu tun. Diese in meinen Augen tief verankerte Sehnsucht in der deutschen Gesellschaft geht auf die Brüche und traumatischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts zurück. Diese Traumatisierungen sind nach wie vor mentalitätsprägend und lassen die Wählerinnen und Wähler in Deutschland in der Mitte zusammenrücken. Jede Annäherung an die politischen Ränder trifft daher auf eine verbreitete Skepsis, mehr noch: Ablehnung in der Bevölkerung. (…)

Der letzte Satz galt und gilt dabei aus diversen Gründen immer vor allem für den linken Rand… aber unabhängig davon ist bis heute ein derartiger Klartext überraschend. Zumal er ein bisher kaum beachtetes mögliches Element strategischer Planung in der staatstragenden Politikelite deutlich macht. Und neben den hautnahen „persönlichen“ Gründen, sich mehr mit der traumatischen Matrix in diesem Land zu beschäftigen, ist der oben umrissene für politsch Interessierte ein weitere Aspekt. Mal ganz abgesehen vom Verstehen aktueller rechter bis faschistischer Strömungen, nicht nur in Deutschland.

 

Judith Herman „Die Narben der Gewalt“

Eines derjenigen Bücher, die wir schon durchgearbeitet haben – sehr empfehlenswert!

Das Buch wendet sich ausdrücklich an alle, die interessiert sind und/oder sich engagieren für eine menschliche Welt, frei von Gewalt und Waffen. Pflichtlektüre sollte es sein für all die, die mit Traumatisierten arbeiten (werden), aber auch für all die, die in Politik und im Sozialwesen sowohl (mit)-verantwortlich sind für die Entstehung von traumatisierenden Situationen als auch für die gesellschaftliche Pflicht, Genesung zu wollen und zu fördern. Aufklärend und verstehensfördernd ist es zudem für die Menschen, die mit Überlebenden/Opfern zusammen leben – PartnerIn, Familie, Freunde.

(aus der Rezension )